Pommernreisen

Reise des Zessin-Familienvereins

vom 22. bis 27. Juli 2002 in die alte Heimat nach Hinterpommern und Danzig

Von Dr. Wolfgang Zessin, Jasnitz

☛ Fotoalbum Pommernreise 2002

Marktbrunnen Rügenwalde

Stettin, Hakenterrasse

Auf dem Stammhof der Familie Zessin in Starkow, Kr. Stolp von ca. 1350 bis 1945 in Familienbesitz, dann unrechtmäßig von Polen vertrieben (Vertreibung von Menschen aus ihrer angestammten Heimat ist ein Unrecht im Sinne des Menschenrechts, von der UNO anerkannt)

Vor der Marienburg

Wenn man, wie unsere Zessin-Familie, seine Wurzeln 700 Jahre zurück verfolgen kann und diese Ursprünge in Hinterpommern und Danzig liegen, muss man die Orte aufsuchen und einmal gesehen haben. So ging es vielen Teilnehmern an unserem Familientreffen im Juli 2002 in Banzkow bei Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Zum zweiten Mal nach 1994, dem Gründungsjahr unseres Zessin-Familienvereins, fuhren Mitglieder und Familienangehörige gemeinsam in die Heimat ihrer Vorfahren. Für einige von uns war es immer noch ein Stück Heimat, da sie dort geboren und aufgewachsen sind. So war es auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Die Vorbereitung und Leitung der Reise hatte ich wieder übernommen, ebenso wie die Organisation des Familientreffens in Banzkow. Am Montag, den 22. Juli 2002 fuhren wir bei mittelprächtigem Wetter mit einem 20-Mercedes-Reisebus von Banzkow ab. Mit dabei waren:

Die Fahrt ging über die Autobahn, Berliner Ring nach Stettin, in die alte, ehrwürdige Hauptstadt Pommerns. Heute leben nur noch etwa 3000 Deutsche hier, zu denen wir seit Jahren gute Beziehungen pflegen (meine Frau Sigrid Zessin ist die Landesvorsitzende des Vereins für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) früher Verein für das Deutschtum im Ausland). Das große, neue Hotel Campanile im Zentrum von Stettin erreichten wir nach etwa fünf Stunden Fahrt. An der Grenze hatten wir zwangsweise eine knappe Stunde Aufenthalt und es wurde etwas Geld getauscht. Nach dem Beziehen der schönen Zimmer im Hotel hatten wir noch etwas Zeit für eine Stadtrundfahrt. Die führte uns an die Hakenterrasse, wo wir bei Kleinhändlern Bernsteinschmuck erstanden. Dann ging es weiter am Schloss der Pommernherzöge aus dem Greifengeschlecht vorbei, die dort bis 1637, dem Todesjahr von Bogislaw XIV. residierten. Das 750-jährige Stettin hat eine große Zahl bemerkenswerter historischer Bauwerke. Wir fuhren an dem ältesten Gotteshaus in Stettin vorbei, der Peter-und-Paul-Kirche, die bereits 1124 vom Pommern-Missionar Otto von Bamberg gegründet wurde. Natürlich sahen wir auch die 800-jährige Jakobi-Kirche, die 1187 von dem aus Bamberg stammenden Jakob Beringer für die deutschen Siedler gegründet wurde. Das Wahrzeichen für die preußische Epoche Stettins ist das Königstor und auch das Berliner Tor am Hohenzollernplatz, ein Geschenk des Preußenkönigs an seine Landeskinder, konnten wir besichtigen. Schließlich kam noch der Paradeplatz und der Kaiser Wilhelm Platz, ohne das Denkmal des Kaisers. Am Ende spazierten wir alle in den Quistorp Auen, fotografierten uns am Denkmal zu Ehren des Pabstbesuches und fuhren zum Hotel zurück. Für mich (W.Z.) hat diese Stadt eine besondere Bedeutung. Zwei meiner Geschwister kamen bei dem staatsterroristischem angloamerikanischen Bombenangriff auf die Zivilbevölkerung Stettins am 30. August 1944 durch Maschinengewehr-Schussverletzungen durch Jagdflieger, die in die Menge der Frauen, Alten und Kinder hineinschossen, als diese die Luftschutzbunker aufsuchen wollten. Durch einen Zufall überlebte meine Mutter und meine Geschwister Udo und Liane. Vor ein paar Jahren habe ich mit meiner Schwester Liane den Keller aufgesucht, wo sie in dieser Nacht überlebten. Auf dem Zentralfriedhof von Stettin haben meine beiden 3 und 11 Jahre alten Geschwister ihre letzte Ruhe gefunden. Im Hotel Campanile lasen wir im Gästebuch einen bemerkenswerten Eintrag: „Sind kaum eine Stunde im Hotel und schon wurde unser neues Auto gestohlen. Alle Vorurteile über Polen, die wir nicht glauben wollten, sind wahr.“ Ein wohlschmeckendes Abendessen und ein paar frische, gekühlte Biere ließen den Abend in fröhlicher Stimmung ausklingen. Am Dienstag, den 23. Juli fuhren wir gegen 10 Uhr aus Stettin ab. Entlang der bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts geplanten Autobahntrasse ging es nach Osten. Über Gollnow, Naugard, Plathe, Köslin und Zanow ging es nach Schlawe, einer alten Stadt am Zusammenfluss von Wipper und Motze. Sie wurde am Pfingstfest (22.5.) 1317 als Stadt Neu Schlawe gegründet, im Gegensatz zur Burg Schlawe, die unweit (4 Km) in Alt Schlawe schon im 13. Jahrhundert bestand. Wir besichtigten die Kirche St. Marien und aßen am Marktplatz gut und preiswert zu Mittag. Dann fuhren wir nach Rügenwalde, machten in dieser schönen Stadt, die berühmt durch den sogenannten „Silberaltar“ ist, von dem sich die letzten erhaltenen Tafeln aus getriebenem Silber heute im Museum der Stadt Stolp befinden. Einige der wertvollen Tafeln sind seit 1945 verschollen. In Rügenwalde und im nahe gelegenen Dorf Rützenhagen haben Harry Z. und Hannelore Ford-Golms, seine Schwester, ihre Wurzeln. Wir gingen zur schönen Kirche in Rützenhagen, fotografierten bei schönem Sonnenschein und suchten und fanden das Haus, wo sein Großvater Emil Z. und sein Vater Erich Z. lebten. Dann fuhren wir weiter nach Pustamin, dem Dorf, in dem wohl prozentual auf die Gesamtbevölkerung bezogen die meisten Zessin´s vor dem Krieg lebten. Unweit der Kirche gegenüber wohnte auch einst der Ortsbauernführer Fritz Zessin, der den Russen am 8. März 1945 in seiner Galauniform entgegentrat, wohl wissend, dass er nicht überleben würde. Eine Polin, die heute im Haus der Höckendorf wohnt, ließ mich hinein und zeigte mir, wie sie lebt. Es war dort zwar ärmlich aber alles sehr ordentlich und sauber, zumal mein Besuch ja unangekündigt war. Zum Hasenkrug, wo Albert Zessin nach 1945 sein erschütterndes Gedicht „Das Bild der Heimat“ schrieb, fuhren wir diesmal nicht vorbei. Es ging nun noch nach Peest, wo Reinhold Zessin seine Wurzeln hat. Hier in Peest fanden wir noch eine ältere Deutsche, Frau Helene Piotrowska, die auf dem Hof Lasten wohnt. Sie erzählte uns noch einiges aus der vergangenen Zeit. Der Gro§vater von Reinhold, Friedrich Zessin wurde 1945 von Polen erschlagen. Auch sein Onkel Otto Zessin wohnte hier in Peest. So wurde auch für ihn Vergangenheit wieder lebendig. Die Busfahrt ging dann über Notzkow, wo wir das Schloss von außen besichtigten und wo der Vater Franz Zessin von Ursel Oldorf und die Mutter Anna Auguste Zessin von Gisela Haase und mein Großvater Karl Zessin geboren wurden und unser Urgroßvater und Großvater Hermann Friedrich Zessin mit seinen Kindern lebte und arbeitete bevor er 1916 verunglückte. Am Abend dieses ereignisreichen Tages waren wir in unserem schönen Hotel Bismarck, ca. 20 km nördlich von Bütow, wo wir den Tag in sehr angenehmer Atmosphäre ausklingen ließen. Am Mittwoch, den 24. Juli ging es zuerst nach Stolp und Stolpmünde. In Stolpmünde hatten wir etwas mehr Zeit eingeplant und machten einen Strandspaziergang und einen Stadtrundgang. Sieglinde, die mit den anderen voraus gegangen war, fand nach einer Stunde ihren Mann Reinhold wieder, der mit mir und dem Busfahrer einige Absprachen getätigt hatte. So war auch für unsere beiden ältesten Teilnehmer die Welt wieder in Ordnung. Ein starker Regenschauer überraschte uns, als wir gerade einen kleinen Imbiss zu uns nahmen, der dann naturgemäß in einem Gedränge unter den Zeltdächern des Imbissstandes endete. Dann fuhren wir nach Dünnow, wo die Möglichkeit bestand, die schöne Kirche von innen zu besichtigen. Insbesondere die farbigen Glasfenster, eine Spende der Familie von Below, und der Altar sind einen Besuch dieser sakralen Stätte, zu der bereits unsere Vorfahren über Jahrhunderte gingen, wert. Früher gehörte Starkow zum Kirchspiel Dünnow, bevor es zu Mützenow kam. So haben dort sicher auch viele Zessin's sich das Ja-Wort der Ehe gegeben. In Salesske machten wir ebenfalls für etwa eine Stunde Halt und schauten uns die Kirche und das Gutshaus der von Below an. Dann kamen wir in den Ort, wo unsere Familie ihren Ursprung herleitet, nach Starkow. Leider ging ein leichter Nieselregen, der das Fotografieren erschwerte. Wir sprachen mit den Bewohnern unseres Stammhofes, der leider immer mehr verfällt und trafen den Sohn der letzen Deutschen Küte Zaddach, die im Dorf nach 1945 verbleiben durfte, weil sie den polnischen Knecht geheiratet hatte. Gedankenschwer verließen wir nach einer Stunde den Ort, an dem fast 700 Jahre Mitglieder unserer Familie lebten, liebten und starben. Der nächste Aufenthalt war das Bauerndorf Horst, wo Edith Werner ihre Kindheit verbracht hat. Schließlich gingen Edith und ich noch in das Haus hinein, wo sie als Kind häufig war und von dem ein Foto existierte, das die Hochzeitsgesellschaft ihrer Eltern vor diesem Haus zeigt. Edith war aufgeregt, denn sie kannte jeden Raum wieder, wusste wo früher was stand und erkannte auch viele Einrichtungsgegenstände wieder. Ein paar Abzüge von Fotos, die das Haus und die Hochzeitsgesellschaft zeigten, ließ sie da. Dann ging es wieder zurück nach Bütow. Am anderen Morgen besuchten wir das Kaschuben-Museum in der mächtigen Ordensburg Bütow, bevor wir nach Danzig aufbrachen. In Danzig-Oliva waren wir kurz bevor das Orgelkonzert begann. So konnten wir uns diesem Genuss wie geplant und gewünscht hingeben. Dann bezogen wir im Zentrum der tausendjährigen Hansestadt Danzig unsere Zimmer im Hotel Hevelius. Es war früher Nachmittag und so ging unsere ganze Gesellschaft in die schöne Altstadt der geschichtsträchtigen Stadt (gegründet 997), in der auch Mitglieder unserer Familie auf vielfältige Weise wirkten. Hier gab es eine Getreide-Großhandlung Zessin und eine Maschinenfabrik Siemens-Zessin. Wir genossen die Flaniermeile um den Marktplatz und am Ufer der Mottlau, gingen zur mächtigen Marienkirche, tranken am Langen Markt ein Bier und gingen durchs Grüne Tor zur Langen Brücke und zum Krantor. Überall war quirliges Leben, eine Stadt zum Verlieben. Den Abend verbrachten wir im Hotel bei gutem Essen. Ich ging danach noch einmal an die Mottlau, trank in einem Straßenbistro ein Glas Bier, genoss beobachtend die laue Sommernacht und hing meinen Gedanken nach. Der Freitag war zur freien Verfügung und jeder nutzte ihn auf seine Weise. Einige fuhren mit dem Schiff auf die Westernplatte, wo der 2. Weltkrieg begann, der auch für unsere Familie soviel Leid und Elend und das schwere Unrecht der Vertreibung aus ihrer vielhundertjährigen Heimat gebracht hat. Ich war auch dort, ein kleines interessantes handgeschriebenes Büchlein dabei, das ich in einem Antiquariat für wenig Geld erstanden hatte: Die Reisebeschreibung des Wiener Malers Eduard Sönnert aus den Jahren nach 1867 nach Norddeutschland. In Danzig trafen sich die Mitglieder unserer Reisegesellschaft immer wieder und dann gab es jedes Mal ein fröhliches Hallo. Abends saßen wir in der Gaststätte „Unterm Lachs“, einer historischen Stätte, wo wir auch auf unserer Reise 1994 weilten. Dort machten mir die Reisegenossen ein viel zu teures Geschenk und Paul-Heinz sagte mir im Namen der anderen und in seinem Namen Dank für die Organisation der schönen Tour. Am Sonnabend, dem 27. Juli fuhren wir zur Marienburg, die wir kurz besichtigten. Dieser größte Backsteinbau Europas, die Haupt-Ordensburg des Deutschen Ritterordens ist immer wieder beeindruckend. Leider hatten wir nur wenig Zeit, denn der Weg nach Hause war noch weit. Abends gegen 20 Uhr langten wir in Banzkow bei Schwerin an. Eine schöne Reise in die Heimat unserer Familie hatte ihr Ende gefunden.